Astroturfing – das Ende des ehrbaren Wutbürgers


Demokratie findet auf der Straße statt oder auch nicht
Wer als echter Demokrat etwas auf sich hält, macht von seinem Grundrecht Gebrauch und geht zum Demonstrieren auf die Straße.
Der gesetzte Demokrat dagegen schreibt einen Leserbrief an seine Tageszeitung, die Süddeutsche. Wenn 1000 gesetzte Demokraten den gleichen Gedanken haben und einen Leserbrief zum gleichen Thema schreiben, erweckt das Aufmerksamkeit. Wenn sich daraus eine Reaktion der Medien und/oder der Politik ergibt, nennt man das Ganze “Graswurzelbewegung”. Denn die Bewegung kommt “von unten”, aus dem Volk und nicht “von oben” aus der Politik.

So weit, so gut. Dass man damit Schindluder treiben kann, ist es weniger. Die Tatsache, dass es so häufig auftritt, dass man dafür einen Namen hat, macht es bedenklich. Nach diesem Broken-Arrow-Zitat erkläre ich auch gerne, wie’s geht.

Plagiats-E-Mails auf Profi-Niveau
Im digitalen Zeitalter sind Leserbriefe auch nicht mehr das, was sie mal waren. Vor 15 Jahren kamen wahrscheinlich noch 90 Prozent aller SZ-Leserbriefe auf Praxis- oder Kanzleibriefbögen daher, heute schreibt man E-mails. Und da kommen die Meinungsfälscher ins Spiel: Man erfinde 100 fiktive Leser und lasse sie alle eine Beschwerde- oder Forderungs-Email mit dem gleichen Inhalt schreiben, den Wortlaut leicht abgeändert (die so genannte KT-zu-Guttenberg-E-Mail). Wenn nun plötzlich von vermeintlich verschiedenen Personen Beschwerdemails zum selben Thema erscheinen und wie die gesetzten Demokraten Veränderung fordern, erscheint das auch wie der Beginn einer Graswurzelbewegung. Nur inszeniert und gesteuert. Das nennt man dann Astroturfing, nach einem Kunstrasenprodukt benannt.

Wer ist so dreist und macht so was?
Die FDP. Wer sonst. Die hat sich 2010 den Spaß geleistet und Maulwürfe in einen Blog eingeschleust. Und dann zweckdienliche Kommentare hinterlassen, um die Stimmung in die für die passende Richtung zu lenken.

Was nützt es?
Der FDP wenig, denn sie sind damit aufgeflogen. Und sowieso raus aus dem Spiel. Im Prinzip kann man so jedoch eine breite öffentliche Meinung simulieren und so versuchen, entweder den tatsächlichen Bürger auf seine Seite zu ziehen oder die Medien entsprechend zu beeinflussen. Andere Superschurken wie Microsoft haben sich auch schon auf das Niveau herab begeben und versucht, über gefakete Empfehlungen von Studenten an die Uni-IT ihre Produkte und Lizenzen zu verkaufen. Das geht dann in Richtung Spam. Wir sehen also, dass Astroturfing recht vielfältig sein kann.

Geht das auch mit echten Menschen?
Ja. Vorreiter der FDP waren italienische Rechtsradikale unter der Obhut der Regierung. Diese hatten unter die Studentenproteste von Genua 2008 gemischt. Und dann schön randaliert, damit die Polizei einen Grund zum Einschreiten hatte. Das traf dann natürlich auch die Unschuldigen. Auch eine Form des Astroturfings, allerdings eine sehr elaborierte und besonders skrupellose

Das Ende des ehrbaren Wutbürgers?
Mitnichten. Denn gerade politische Parteien und anders organisierte Gruppen begehen gerne Anfängerfehler, genau wie die Polizei ihre V-Männer auch gerne ungenau brieft (siehe Artikel). Man achte auf besonders sorgsam geschriebene Blogposts, extrem fundierte Antworten, saubere Argumente und sowieso zuviel Sorgfalt für Interneteinträge und Emails. Im Prinzip so, wie Sie auch einen Zivilfahnder erkennen: gebügelte Baggypants, die passen, auf links gewaschenes Hip-Hop-Shirt, damit die Farben nicht rausgehen, praktischer Haarschnitt, aufrechte Haltung. Wenn GhettoMC also eher nach 20 Pfennig als nach 50 Cent aussieht, sind sie auf der richtigen Fährte.
Denn den wahren Wutbürger erkennt man immer noch an seinem Zorn – und der kommt ungewaschen daher.

Herr Büchse

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