Fürs Bett hab ich noch nie ein Buch gebraucht.
Als ich damals in den Zwanzigern meine Ausbildung zum Grobtischler bei Noppe und Compagnie in Eichenheiligengau gemacht habe, haben wir keine Nachhilfe in Mathe oder Deutsch gebraucht. Wir in Bayern haben uns noch mit einfachen Tricks und Kniffen zu helfen gewusst. War es ein handwerkliches Problem, konnte man es mit einem Hammer lösen. War es ein finanzielles, sang man in der Wirtschaft. War es ein gesellschaftliches, half ein Strick. Punkt.
Um euch einen Eindruck eines Lehrjahre-sind-keine-Herrenjahre-Arbeitstages zu verschaffen, hier mal mein Tagesablauf:
05.30 Morgenandacht in der St.Blasius-im-reininigenden-Feuer-Kirche, Eichenheiligengau
06.30 Arbeitsbeginn
07.00 Stamperl-und-Leberkässemmel-Brotzeit
09.00 Bierpause
11.30 Mittagspause mit Bier und Geselchtem (2 Stunden)
14.00 Schafskopf und Stamperl
15.30 Werkstatt aufräumen
16.00 Wirtschaft, Fingerhakeln, Bier
19.00 Abendandacht, Sta.Agathe-der-Dornen-Kirche, Marienhöfelgau
20.00 Uhr Ende des Arbeitstages
Tagesarbeitszeit: 13,5 Stunden, Kosten eines Schranks: ca. 50.000 Mark (“Echte Handarbeit!” #hosenträgerschnalz), Bearbeitungszeit Schrank: ca. 8 Wochen (“Ohne Farbe, nur hobeln.”)
Worauf wollte ich hinaus? Vergessen. Nein, Moment, ich habs.
Gemessen an meiner Ausbildung in den Zwanzigern ist das Bildungssystem der aktuellen BRD wahrscheinlich auf Augenhöhe. Fakt ist nur leider, dass meine damalige Ausbildung mit der heutigen Arbeitswelt nicht mehr mithalten kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Hälfte aller Berufsschüler Nachhilfe in Anspruch nehmen muss. Was tun? Ich weiß es nicht. Aber wir sind das Land der Dichter und Denker. Wir haben uns noch aus jeder Bildungsmisere (Hexenverbrennung, Franzosenbesatzung, Zweiter Weltkrieg, Walter Ulbricht) rauslaviert und was mental lebendiges aus Germanias Schoß geboren #pathosaufsbrot. Ob sich dieses Problem von alleine lösen wird (bessere Gene setzen sich durch?), bleibt noch abzuwarten.
Bis dahin schraube ich noch ein bisschen an meinem Schrank rum. Bin damals nicht ganz fertig geworde.
Herr Büchse
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